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Artikel Twitter
- Herausforderung für Marketing und PR
Twitter - Herausforderung für Marketing und PR
Von Karsten Büttner
Zu
den zahlreichen Anwendungen, die unter dem Namen Web 2.0 oder
neuerdings unter soziale Medien subsummiert werden, zählt auch
Twitter. Im deutschsprachigen Raum wird dieses seit einigen Monaten
von immer mehr Unternehmen diskutiert. Erkennbar ist dieses an
den steigenden Beiträgen in Netzwerken wie Xing. Zentrale Frage
aus Marketingsicht: Lässt sich Twitter für das Marketing
nutzen oder ist das Micro-Bloggingsystem ein nutzloser Zeitfresser?
Wer in den letzten Monaten einschlägige Foren beobachtet hat,
wird dieser Diskussion immer wieder begegnet sein. Auf den ersten
Blick legt das englischsprachige Twitter mit seiner Frage "What
are you doing?" über der Eingabemaske eine private Nutzung nahe.
"Trinke gerade Kaffee", "Bin schlecht drauf" - die oft zitierten
und tatsächlich reichlich vorhandenen Nichtigkeiten sind natürlich
Wasser auf die Mühlen derer, die Twitter für ausgemachten Teeniequatsch
halten. Auf der anderen Seite stehen die Euphoriker, die bei jeder
technischen Neuerung gleich die Revolution ausgerufen wissen wollen.
Im Marketing macht dann ein neues Bindestrich-Werkzeug die Runde.
Jetzt ist es eben Twitter-Marketing. Sixtus und Lobo bringen das
Für
und Wider von Twitter unterhaltsam auf den Punkt.
Martin
Oetting weist zu Recht darauf hin dass dabei viel zu oft über
Werkzeuge anstatt über Ziele geredet wird. Mit einem Begriff wie
"Twitter-Marketing" tut man genau das. Und es ist in der Tat ein
Unterschied, ob man sagt, "wie können wir Twitter nutzen" oder
"was wollen wir erreichen, ist Twitter dafür ein taugliches Instrument?"
Die Antwort auf die letzte Frage setzt allerdings voraus, dass
Unternehmer und Berater wissen, was sich beispielsweise mit Twitter
machen lässt. Ich bezweifle allerdings, dass sich sehr viele schon
ein einigermaßen realistisches Bild von den Möglichkeiten machen
können. Noch ist die Spanne der Meinungen zwischen Quatsch und
grenzenloser Euphorie weit. Noch liegen zu wenig belastbare Zahlen
vor, ob oder was Twittern in welchem Bereich bringt. Noch wächst
die Zahl der im Umfeld von Twitter entstehenden Erweiterungen
und Sonderanwendungen. (Im Artikel "Twitter
- Möglichkeiten für Marketer" stellen wir eine Auswahl sinnvoller
Werkzeuge dar.)
E-Mailmarketing, AdWords oder Suchmaschinenoptimierung sind Werkzeuge,
die weder allein noch für jede Branche gleich gute Ergebnisse
liefern. Da haben wir mittlerweile einen differenzierten Blick
auf den Werkzeugkasten des Online-Marketings. Für soziale Medien
scheint dieses aber nicht der Fall zu sein. Denn oft wird von
Twitter in dieser Absolutheit gesprochen: "Twitter bringt es nicht"
oder "Twitter wird E-Mail ablösen."
Ich denke, dass wir bezüglich der sogenannten sozialen Medien
noch in der Pionierphase sind, in der eine große Offenheit bezüglich
möglicher Entwicklungen besteht. Es gibt noch kein abschließendes
Urteil, ob, wie, wo oder wann Twitter nützlich ist. Wer hat denn
vor zwanzig Jahren, als die ersten tragbaren Telefone (mit 5 kg-Akku!)
aufkamen, an Anwendungen wie MP3 oder eingebaute Fotoapparate
gedacht?
Allein die Zahl der Addons für Twitter ist unüberschaubar geworden.
Weit verstreut liegen interessante Werkzeuge herum. Wie diese
für das Marketing genutzt werden können, ist nicht einmal in Ansätzen
diskutiert.
Deutungshoheit nicht länger bei klassischen Medien
Es geht also nur in zweiter Linie um die Technik. Es geht um die
Gestaltung von Kunden- und Interessenbeziehungen. Und die hat
sich mit Web 2.0 oder sozialen Medien erheblich verändert.
Beziehungspflege, Public Relations, Öffentlichkeitsarbeit lief
viele Jahrzehnte über Mittler, die klassischen Medien. Denn Verlage
besaßen durch die Notwendigkeit investitionsreicher Technik lange
die Macht, als zentrale Mittler von Inhalten aufzutreten. Diese
Rolle verlieren sie nun immer schneller. Schließlich sind mit
Weblogs und Microblogging die letzten technischen Hürden zur weltweiten
Veröffentlichung von unzensierten Inhalten gefallen.
Jenseits der klassischen Medien sind also Ich-Verlage entstanden,
die oft erstaunlich gut vernetzt sind. Die Verbreitung von Informationen
über ein Netzwerk kann heute die klassischen Medien in puncto
Geschwindigkeit leicht überholen. Natürlich hat das auch Nachteile.
Sachverhalte werden behauptet, kaum jemand überprüft Gesagtes.
Das kann Folgen für Unternehmen haben, die sich nicht einmal passiv
für soziale Medien interessieren, geschweige denn selber aktiv
nutzen.
Schnell kann über das Weiterleiten, den Re-Tweet, eine Art Kettenbrief
in Gang gesetzt. So lasen Twitterer noch vor der offiziellen Bekanntgabe
des Ergebnisses der Bundespräsidentenwahl, nur wenige Sekunden
nach der Auszählung "Köhler weiter Bundespräsident". Die Pressemitteilung
war damit nur noch kalter Kaffee.
Früher wählten Redaktionen Informationen aus, aber sorgten im
Idealfall auch dafür, dass erhaltene Informationen überprüft wurden.
Journalistische Sorgfaltspflicht, Stil und klar definierte Textgattungen,
um nur drei Elemente zu nennen, zeichneten die Informationslandschaft
aus.
In dieser wohldefinierten Informationslandschaft bedeutete Öffentlichkeitsarbeit
immer eine Pflege der Medien.
Nun aber mischen sich Verbraucher direkt ein. Nicht der gute alte
Leserbrief an die Zeitschrift oder die Mail an Unternehmen XY
wird genutzt. Meinungsforen wie Ciao, Blogs und im schlimmsten
Fall Hate-Sites kehren den ehemals einseitigen "Dialog mit dem
Kunden" in einen "öffentlichen Brief an das Unternehmen XY" um.
Noch leichter geht das mit einem Instrument wie Twitter. Da wird
ein Thema mit einem Hashtag versehen und schon lässt sich in Windeseile
recherchieren, wer was zum Beispiel zum Thema Zensur bei Twitter
meint und sagt. (Schauen Sie einmal in Twitter, was unter #zensursula
zu finden ist.)
Da dieser Weg unumkehrbar ist, stellt sich für Unternehmen allein
schon deshalb die Frage, wie sie künftig Kundenbeziehungen jenseits
des so genannten klassischen Dialogmarketings gestalten wollen,
das in Wahrheit eine Einbahnstraße ist.
Mögliche Veränderungen des Marketing
Informelle Meinungsmacher identifizieren
Die Frage, ob Twitter denn bereits ausreichend Nutzer hat, muss
jedes Unternehmen für seine Branche beantworten. Im Bereich E-Mailmarketing
jedenfalls habe ich den Eindruck, dass die Berater und Versandlösungsanbieter
im Wesentlichen unter sich sind. Bis sich das ändert, steht jedes
Unternehmen vor der Entscheidung, ob es warten will, bis eine
kritische Masse erreicht ist oder das Medium jetzt als Pionier
ausprobiert und seine Fehler jetzt und schnell macht.
Kritische Masse ist allerdings auch wieder ein gefährlicher Terminus,
der schnell auf Masse reduziert wird. Denn genau darum geht es
nicht. Es geht um die richtigen, einflußnehmenden Twitterer. Und
es geht im Idealfall um einen Austausch mit Interessierten.
Netz-Reputation
Der Ruf einer Firma hängt von der öffentlichen Wahrnehmung durch
Meinungsführer ab. Und diese Meinungsführer sind nur allzuoft
jenseits der etablierten Medien zu finden. Die Netzreputation
- wie schnell, authentisch, ehrlich ein Unternehmen mit Kritik
umgeht - wird künftig auch von der tatsächlichen Dialogfähigkeit
der Unternehmen abhängen.
Empfehlungen wichtiger als Anzeigen
Schon heute ist es so, dass Entscheidungen für oder gegen Produkte
durch die Meinung von Freunden beeinflusst werden. Es wächst eine
neue Generation heran, deren Kaufentscheidungen stärker von der
Meinung in ihrem persönlichen Netzwerk abhängt als von Werbeanzeigen.
Soziale Medien werden daher künftig eine (noch) stärkere Rolle
im Marketing zu spielen haben.
R.O.S.T.-Strategie für Social Media
Marc
Meyer and Jason Breed haben eine Strategie entwickelt, wie
Marketer mit Twitter (und anderen sozialen Medien) praktisch umgehen
können:
1. Research (Marktforschung): Beobachten Sie Diskussionen rund
um Ihre Marke, Firma, Angestellte und desgleichen für Ihre Mitbewerber,
Ihre Branche und Ihre Region
2. Objectives (Ziele): Legen Sie Ihre Geschäftsziele und Verantwortlichkeiten
fest. Entwickeln Sie einen klaren Zweck oder ein eindeutiges Ziel.
Die Maßnahme muss entweder Gewinne erzielen, die Marke stärken
oder Kosten senken.
3.Strategy (Strategie): Erstellen Sie einen taktischen Aktionsplan,
um Ihre Ziele zu erreichen.
4.Technology (Technologie): Wenn Sie wissen, was Sie erreichen
wollen, eröffnen Sie Ihr Twitterkonto und legen Sie los.
Fazit
Twitter ist nur ein Werkzeug, keine Strategie. Im Verbund mit
anderen Twitter- und Social-Media-Werkzeugen kann es ein sinnvoller
Baustein im Marketing werden. Zurzeit befinden wir uns in der
"Early-Adopter-Phase", in der für viele Branche weder eine ausreichende
quantitative Basis noch ausreichend Erfahrung für eine endgültige
Beurteilung vorhanden sind. Das öffnet den Raum für eigenes Experimentieren
und Mitgestalten.
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